
Bericht von Karin Olivieri über ihren Besuch in „St.Maria de la Armonia“
(April 2010)
Ich bin Pianistin, aus Argentinien, und seit dem Jahr 2002 lebe ich in Deutschland. Im Jahr 2005 habe ich die deutsche Geigerin Ulrike Flemming aus München kennen gelernt, die Gründerin des Projektes „Niños en Armonía“. Seitdem organisiere ich zusammen mit anderen Musikern Benefizkonzerte zugunsten dieses wunderbaren Projektes.
Nachdem ich seit langem das Projekt nur durch Erzählungen und Bilder kannte, konnte ich dieses Jahr im April endlich die Estancia „Santa María de la Armonía“ in Cobo besuchen (400 km weit weg von Buenos Aires, in der Nähe der Strandstadt Mar del Plata)
Es sind nur zwei Tage gewesen, die ich mit den Helfern, Lehrern und Kindern aus „La Armonía“ verbrachte, aber in diesen zwei Tagen durfte ich eine Welt voller Hingabe, Nächstenliebe, Nöte, Erwartungen, Hoffnung und Vertrauen entdecken, und viele kleine und große Erfolge miterleben.
Da manchmal die Bilder mehr als Worte erzählen, möchte ich mit Ihnen auch einige der Fotos teilen, die Elbio (mein Ehemann) bei unserem Aufenthalt in „Santa María de la Armonía“ gemacht hat.
Wir fuhren mit dem Auto von Buenos Aires nach Cobo auf der „Ruta 2“, und nach vier Stunden Fahrt, als wir uns dem Kilometer 383 dieser Autobahn näherten, sahen wir den Zaun, auf dem stand: „Santa María de la Armonía“. Wir wunderten uns sehr über die Entfernung zwischen diesem Zaun und dem Haupthaus der „Estancia“: Es sind drei Kilometer eines herrlichen Feldweges zwischen dichten Bäumen…Weg, den die Kinder des Projektes lange Zeit zu Fuß mit ihren Schulranzen und Instrumenten für den Unterricht gemacht haben.
Empfangen wurden wir von Ulrike Flemming (ihr zweiwöchiger Aufenthalt ging auch schon ihrem Ende zu) und mehreren „Servidoras“ (Ordensfrauen). Nach einem leckeren Mittagessen haben sie uns durch die ganze „Estancia“ geführt.
Das Land ist riesengroß und es gehören sehr viele Gebäude dazu: Das, was früher (zu den Zeiten als die Estancia noch der Familie Cobo Unzué gehörte) der Essraum für die Arbeiter war, das frühere Haus des Gärtners, das Waschhaus, die Verwaltung, die Ställe, der Kutschenschuppen, und viele mehr.
Beim ersten Blick ist vor allem das Hauptgebäude noch deutlich Zeuge des Reichtums einer anderen Zeit und lässt uns ahnen, was die „Estancia“ irgendwann war… Doch beim genaueren Hinschauen sieht man, was die Zeit aus diesen Gebäuden gemacht hat, wobei einige von ihnen komplett verfallen sind.
(Die Geschichte der Estancia kann man auf dieser Webseite –auf spanisch- finden:
www.marchiquitadigital.com.ar/ealarmonia.htm )
Von all diesen Gebäuden gibt es zwei, die seit Ende 2009 nur vom Projekt „Niños en Armonía“ verwendet werden: Der „Juanillo“ (das ehemalige Gärtnerhaus) und die „Cochera“ (der ehemalige Kutschenschuppen). Wenn man die Teile dieser Gebäude betrachtet, die noch nicht restauriert worden sind, kann man nicht aufhören zu staunen, wenn man die Teile sieht, die durch den Verein “Kinder in Armonía“ schon wieder aufgebaut und restauriert worden sind, und in deren entstandenen Räumlichkeiten schon der Unterricht und die Orchesterproben der Kinder durchgeführt werden.
Am frühen Abend war eine Orchesterprobe mit einer kleinen Gruppe der etwas fortgeschritteneren Schülern (neun Teenager) in der „Cochera“ geplant.
Diese Jugendliche zu sehen, die voller Konzentration und Lernwille sich anstrengten, so gute Leistung wie nur möglich zu bringen, hat mich sehr berührt.
Mit Ulrike Flemming als Dirigentin und mir am Klavier ist es uns gelungen, drei ganze Stücke, die so gut wie neu für die Jugendliche waren, einzuüben: „Der Herbst“ aus den Vier Jahreszeiten von Vivaldi, „Chiqui, chiqui, chai“, ein ecuadorianisches Lied in Bearbeitung von Regine Nosske und „Czardas“ von Andrea Holzer-Rhomberg… und mit einem erstaunlich gutem Rhythmus und Klang! Nach mehreren Stunden Probe (als wir die Probe nach einundeinhalb Stunden beenden wollten, wehrten sich die Jugendlichen und baten uns, länger zu proben) verabschiedeten wir uns bis zum nächsten Tag. Roberto, der Busfahrer, brachte alle in ihre Häuser. (Wenn die Kinder tagsüber Unterricht haben, werden sie am Rand der Autobahn gelassen, auf dem Weg, der sie am schnellsten zu ihren Häusern kommen lässt… trotzdem haben noch einige mehrere Kilometer, um zu Fuß zu bewältigen. Bei den Proben und Unterrichtsstunden abends, wenn es schon dunkel ist, wird jeder bis nach Hause gebracht).
Wir kehrten zum Hauptgebäude zurück. Während eines leckeren Abendessens unterhielten wir uns noch stundenlang mit den Ordensschwestern. Auch mit Ingrid (eine der Geigen- und Flötenlehrerinnen, die sich hauptsächlich um die Kleineren des Projektes kümmert) und mit Ulrike sprachen wir über das Projekt, „unsere“ Kinder, die Schwierigkeiten und die Erfolge.
Am nächsten Morgen widmeten wir uns organisatorischen Aufgaben, unter anderem brachten wir Instrumente, die in letzter Zeit in Deutschland gespendet worden waren, in den „Juanillo“ und in die „Cochera“.
Die Instrumente, die noch repariert werden sollten, bereiteten wir vor, um nachmittags nach Mar del Plata zu bringen, zu Claudio, dem Geigenbauer.
Um die Mittagszeit holten wir eine Gruppe der Kleinsten an der Schule ab. Alle warteten begierig auf uns, um in die „Armonia“ zu fahren.
Vor der Probe aßen wir alle zusammen zu Mittag. An diesem Tag gab es Pizza, die eine Mutter von fünf Kindern, die im Projekt teilnehmen, gemacht hatte. Für mich war es von großer Bedeutung, mich mit dieser Mutter zu unterhalten, einer sehr einfachen Frau, die ohne genau zu wissen weshalb, merkt, wie wichtig dieses Projekt für ihre Kinder ist, wie sehr sie sich dadurch verändert haben und wie gut es ihnen tut.
Schon während des Mittagessens versucht man, die Kinder zu erziehen, z.B. mit ganz einfachen Sachen wie Hände zu waschen, die Plastikteller nicht auf den Boden zu schmeißen, nach dem Essen mitzuhelfen beim Aufräumen, und das alles in einer gewissen Ordnung.
Als Nachspeise gab es „Flan“, vorbereitet von den Ordensschwestern.
Carolina Rodríguez, die Geigenlehrerin, eine sehr herzliche und sensible aber auch strenge Person, genauso, wie es erforderlich ist, um mit Kindern und Jugendlichen gut arbeiten zu können, erreichte in wenigen Minuten, dass die Kinder in der Runde mit ihren Instrumenten in der Hand vorbereitet für die Probe saßen.
Der Unterricht war sehr intensiv, und die Kinder waren total aufmerksam darauf, was ihnen Carolina und Ulrike erklärten. Es war wunderbar zu sehen, wie sie sich nicht nur anstrengten, die Noten richtig zu spielen, sondern auch wie sie den bestmöglichen Klang auf ihren Geigen zu erzeugen versuchten. Und die Stimmung unter allen war super! Alle hörten aufmerksam zu, wenn ein anderer dran war zu spielen, und sie versuchten, da wo es möglich war, sich gegenseitig zu helfen!
Trotz der Müdigkeit nach der Anstrengung waren die Kinder fröhlich und fragten ständig, wann sie noch mal zum Unterricht kommen könnten.
Diesmal fuhren mein Mann (jetzt nicht als Fotograf sondern als Fahrer), Ulrike und ich die Kinder nach Hause.
Dabei merkten wir, wie viele Kilometer diese Kinder normalerweise mit ihren Schulranzen und Instrumenten zu Fuß gehen müssen!
Von dort aus kehrten wir nach „La Armonía“ zurück um die Instrumente ins Auto zu packen, die wir kurz danach nach Mar del Plata zum Geigenbauer Claudio brachten. Er ist eine wunderbare Person und gleichzeitig sehr, sehr wichtig für das Projekt. Ohne ihn könnte man mit den gespendeten Instrumenten, die in den meisten Fällen repariert werden müssen, nicht viel machen.
Wieder zurückgekehrt in „La Armonía“, wartete schon dieselbe Gruppe wie am Vorabend auf uns um weiterzuproben. Erstaunlich zu hören, wie viele Fortschritte sie in diesem einen Tag gemacht hatten! Nach einer langen Probe haben wir sogar mit Publikum (einige der Eltern und der Ordensschwestern) zwei der geprobten Stücke aufgenommen und verabschiedeten uns, da wir am nächsten Tag nach Buenos Aires zurückkehren mussten.
Die Eltern von zwei der Jugendlichen (Iván und Macarena) unterhielten sich noch lange mit uns, und bedankten sich , fast mit Tränen in den Augen, für die „Türen“, die wir ihren Kindern durch dieses Projekt öffnen würden. Sie baten mich auch allen anderen Musikern hier in Deutschland ihren Dank zu überbringen, die zusammen mit mir die Benefizkonzerte veranstalten, und allen anderen Menschen, die durch dieses Projekt den Kindern dieser verelendeten Gegend ein besseres Leben ermöglichen.
Die Tage in „La Armonía“ waren eine unglaublich bereichende Erfahrung für mein Leben. Nicht nur diese Kinder können etwas von uns bekommen und von uns lernen, sondern auch wir von ihnen.
Wenn man überlegt, unter welchen Bedingungen sie aufwachsen, viele ohne Eltern, andere mit Eltern, die Analphabeten sind, die meisten ohne ein richtiges Dach über dem Kopf, einige, die sexuell missbraucht worden sind, andere in Kontakt mit Drogen… ist es unglaublich zu sehen, wie sie im Projekt aufblühen, lachen, sich anstrengen, wie sie mit totalem Interesse versuchen Neues zu lernen und wie sie mit den anderen wirklich „zusammen“ sind und diese Erfahrung mit allen teilen…
Mein Leben ist reicher geworden nach diesen wenigen Tagen bei „Niños en Armonía“. Ich hoffe, bald wieder dorthin fahren zu können um auch viele andere Kinder und Jugendliche des Projektes kennen zu lernen, und mehr und mehr Erfolge und wunderbare Momente miterleben zu dürfen!
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