
Herbst 09
Die erste Jahreshälfte 2009 war für unser Projekt gespickt mit erfreulichen Ereignissen.
Hier gehts zum ausführlichen Bericht mit Bildern.
Hier gehts zum Weihnachtsbrief 08 mit einem Überblick über das gesamte Jahr.
Dezember 08
Radiosendung in Bayern 4 Klassik
Am Montag, den 8. Dezember 08, um 17:20 Uhr sendet Bayern 4 Klassik in der Sendung "Leporello" ein Interview von Ulrich Möller-Arnsberg mit Ulrike Flemming. Anlass ist das am gleichen Tag stattfindende Jahreskonzert der Kinder in Armonia.
August 08
Hier ein paar Impressionen der Augustreise 2008 von Ulrike Flemming.
März 2008
Ulrike Flemming besuchte das Projekt über Ostern. Hier ihr Bericht:
"Wieder eine Reise von der ersten in die dritte Welt:
vom beginnenden Frühling hier zum Anfang des Herbstes dort, mitten aus unserem Schuljahr heraus zum Schulbeginn des neuen Schuljahres dort, von unseren Kindern, die überlastet und überbeschäftigt sind, zu den Kindern dort, die oft nicht einmal von einer besseren Zukunft zu träumen wagen und schließlich von unserem Alltag, dessen große Themen Leistung, Effektivität, Sicherheit und Vorsorge sind, zum Alltag der Armen dort, deren Probleme den Tag zu überstehen oft so groß sind, dass an „Nöte“ unserer Art gar nicht zu denken ist.
Fortschritte der Kinder
Bei der Begegnung mit der „1. Generation“ der Kinder, welche inzwischen keine wirklichen Kinder mehr sind (sie sind 13, 14 Jahre alt), war ich überrascht von den musikalischen Fortschritten. So schnell wie in den vergangenen 6 Monaten waren sie noch nie vorwärts gekommen. Dies ist sicherlich die Frucht der vielen Auftritte im vergangenen Jahr. Auch das Gefühl der Gemeinschaft hat sich sehr vertieft. Dazu spürte ich von ihnen eine Art natürlicher Dankbarkeit für alles, die nicht nur geäußert wurde, weil man es ihnen gesagt hatte..........Die 2. Generation kommt rascher voran. Man merkt deutlich, dass sie davon profitieren, in den Grösseren stetige Vorbilder zu haben.
Neue Kinder, neue Perspektiven
Verschiedene Anfragen liegen vor: sowohl von Kindern aus Mar del Plata, welche inzwischen ins Projekt integriert werden, als auch von der Mar del Plata benachbarten Stadt Miramar, welche an unserem „Modell“ sehr interessiert ist.
Die interessanteste Anfrage aber stammt aus der direkten Nachbarschaft (4km!) von St.Maria de la Armonia. Es handelt sich um ein bewachtes Wohnviertel gut situierter Familien, welche so eine Arbeit auch für ihre Kinder wünschen. Im Zuge der Gespräche haben sie sich solidarisch mit den Kindern unseres Projektes erklärt und wollen Unterstützung geben, soweit es ihnen möglich ist. So finden nun die samstäglichen Orchesterproben in der Kapelle ihres Wohnviertels statt. Sie helfen an diesem Tag beim Transport und sorgen für das Essen. Ihre Kinder hören bei den Proben „unserer“ Kinder zu und nehmen sie sich zum Vorbild. Und wenn alles gut geht, spielen sie bald zusammen in EINEM Orchester!
Bevor diese Begegnung stattfand, hatten wir in langen Überlegungen den Ort für unser zukünftiges Bauvorhaben „zufällig“ an die Grenze zwischen St. Maria de la Armonia und deren Wohnviertel gelegt...........
Neue Lehrer
Der renommierteste Violin-und Violapädagoge Baldomero „Teddy“ Sanchez in der gesamten Region hat sich angeboten, im Projekt mitzuarbeiten! Er wird monatl. 28 Stunden unterrichten und vierzehntägig das Orchester leiten.
Darüber hinaus gab es viele Gespräche (auch sehr unter die Haut gehende) mit den Kindern, Eltern, Lehrern, und den Servidoras.
Ach ja, und wir haben begonnen, ein Arrangement von Vivaldis 4 Jahreszeiten einzustudieren..........."
März 2008
Der Reporter Ulrich Möller-Arnsberg, freier Mitarbeiter beim Bayrischen Rundfunk, besuchte vom 29.Februar bis zum 6. März die Kinder in Sta. Maria de la Armonia und verfasste eine Reportage über die „Niños en Armonia“.
Sendetermin war der 19. April 08 um 7:30 Uhr in Radio Bayern 2 in der Sendung „Weitwinkel“.
Weihnachten 2007
Gräfelfing, den 17.12.2007
Liebe Freunde der Niños en Armonia!
Ein überaus ereignisreiches und aufregendes Jahr 2007 neigt sich dem Ende zu, so ereignisreich, dass Sie diesmal zu Weihnachten ein längeres Schreiben erhalten.
Vielleicht finden Sie während der Festtage ja ein bisschen Zeit, darin zu lesen...
Je länger wir darüber nachdenken, desto unwahrscheinlicher scheint uns, was alles in ein Jahr passen kann.
Vergangenen Februar, also am Ende der argentinischen Sommerferien reiste ich, Ulrike Flemming, mit meiner Kollegin und Freundin, der Geigerin Regine Nosske, nach Armonia... Lesen Sie weiter (PDF, 1,5MB)
Oktober 2004 - Juli 2005
Korbinian Nagler aus München hat nach seinem Abitur einige Monate in Argentinien verbracht. Hier folgt sein Reisebericht:
Neun Monate in Argentinien
Mein Aufenthalt in Argentinien begann am 31.10.2004 und endete genau 9 Monate später. Es war eine ziemlich lange Zeit in einem mir bis dahin völlig unbekannten Land, die im nachhinein betrachtet jedoch viel zu schnell verging.
Insgesamt war das meiste einfacher als ich es mir vorgestellt hatte, es gab jedoch auch Situationen die mich einige Nerven kosteten. So zum Beispiel als ich am Ende einer nächtlichen Busreise nach Buenos Aires dort angekommen in einen falschen Bus einstieg und zwei Stunden lang in der riesigen Stadt herumirrte.
Viel konnte ich lernen: Angefangen mit der mir bis dahin völlig unbekannten Sprache Spanisch kam ich in Kontakt mit vielen Leuten deren Denk- und Lebensweise sich sehr von der unsrigen unterscheidet. Ich hatte also die Möglichkeit ein wenig Einblick in die Problematik dieses riesigen Landes zu bekommen.
Der erste Monat in der großen Stadt
Am Flughafen von Buenos Aires angekommen wurde ich von einem „Padre“ abgeholt. Ich hatte Glück dass er vortrefflich Englisch sprach sonst wäre die Kommunikation schwierig geworden. Mir fiel der klapprige Zustand seines Autos auf, mit dem wir direkt ins Zentrum von Buenos Aires fuhren und es sollten mir noch Gefährte schlimmeren Zustandes begegnen. Er brachte mich in ein kleines Studentenwohnheim, welches von einigen Geistlichen geführt wird. Das Gebäude war ein schönes altes Haus mitten im reicheren Stadtteil Recoleta gelegen.
Meine Mitbewohner waren ca. zehn Studenten, ungefähr in meinem Alter. Sie zeigten mir noch am selben Tag den Stadtteil und wir freundeten uns sofort an. Oft gingen wir am Abend aus, liefen ein paar Runden oder saßen zu Hause und unterhielten uns. Während die Studenten tagsüber in die Universität gingen nahm ich Unterricht bei meiner Spanischlehrerin.
Der Monat verging sehr schnell und ich war ein wenig traurig, als ich die Stadt in Richtung Santa Maria de la Armonia verlassen musste. Aber ich versprach wiederzukommen.
Die neue Sprache
Noch in Deutschland hatte ich zwar einen zweiwöchigen Spanischkurs besucht, welcher aber keinesfalls ausreichte, mich zu verständigen. Es war ein Sprung ins kalte Wasser so weit weg von zu Hause, nichts und niemanden zu verstehen und es anderen schwer zu machen, mich zu verstehen. So bemühte ich mich in den ersten Wochen besonders viel und erarbeitete mir ein Fundament, auf das ich aufbauen konnte. Meine Lehrerin, die selbst noch Französisch sprach, half mir dabei sehr. Als ich sie nach diesem ersten Monat verließ, wusste mich gut zu verständigen und war zuversichtlich in dieser schönen Sprache weitere Fortschritte zu machen.
Santa Maria de la Armonia
Ich erreichte die Estancia am 6.Dezember und war gleich schon einmal beeindruckt von der Zeit, die man braucht, um vom Eingang des Anwesens bis zum Haupthaus zu gelangen. Auch bekam ich gleich eine Kostprobe des mir bis dahin unbekannten Stinktiergeruchs. Es dauerte einige Zeit, bis ich nach der riesigen Stadt mich ans Landleben gewöhnt hatte.
Als ich die Lehrer des Projektes kennen lernte, waren sie mir sofort sympathisch. Sie sind äusserst aufgeschlossen, lustig und nett. Auch die weiteren Angestellten in Armonia, Helfer in Haus und Garten, sind sehr liebenswürdige und hilfsbereite Menschen und doch war immer klar, dass sie aufgrund ihrer Lebensumstände in vielerlei Hinsicht sehr einfache Menschen sind.
Drei Aufgaben gab es für mich in La Armonia. Die wichtigste war natürlich die Beschäftigung mit den Kindern. Ich spielte mit ihnen Flöte, Geige und Gitarre, gelegentlich auch Fussball. Es machte mir viel Spass und lies meinen Stolz wachsen, vor allem wenn ich mit „profesor“ angeredet wurde. Allerdings war ich auch immer wieder schockiert, wenn ich ihre Lebensumstände und die daraus resultierenden Störungen zu sehen und zu spüren bekam.
Eine andere Aufgabe war, da ich ja in Deutschland mir extra den internationalen Führerschein verschafft hatte, Besorgungen in der nahen Stadt Mar del Plata zu machen, eine der “Servidoras“ (der Schwestern) zu chauffieren oder auch die Kinder von ihren Behausungen zu holen und zu bringen, was mir natürlich Einblick in ihr Leben verschaffte.
Meine dritte Aufgabe war handwerklicher Natur. Ich weißelte einen Raum, strich eine Türe neu und begann damit, das Haupttor, wo zwei bronzene Löwen gestanden hatten, zu renovieren. Diese zwei gewaltigen und schweren Statuen waren zusammen mit einer weiteren Figur kurz vor meiner Ankunft in einer nächtlichen Aktion gestohlen worden. Alle rätseln bis heute, wie die Diebe das gemacht haben, ohne dass einer der Bewohner es gemerkt hat. Dieser Vorfall verhalf natürlich nicht zu einem allzeit ungetrübten Schlaf..........
Auch ansonsten versuchte ich, den Servidoras an allen Ecken zu helfen. So war meine Zeit in La Armonia schön, auch wenn sich dort eher selten Leute meines Alters aufhielten und ich mich manchmal etwas alleine fühlte. Das glich ich dann aber aus, indem ich mich für fünf Stunden in einen der Überlandbusse setzte und meine Freunde in Buenos Aires besuchte.
Musik für die Kinder
Der erste Kontakt mit den Kindern war für mich nicht ganz einfach, da sie sehr vorsichtig sind bei Menschen die sie nicht kennen und ich mich anfänglich mit meinem Spanisch noch nicht so gut verständigen konnte. Auch sprechen sie einen ganz eigenen Slang, der fast schon wieder eine eigene Sprache darstellt...
Als ich anfangs zwei Jungs einige Akkorde auf der Gitarre zeigen sollte, fiel mir auf, wie schwer sie sich taten, Fortschritte zu machen. Sie sind einfach nicht gewohnt zu lernen, allerdings zeigten sie einen erstaunlich großen Willen und brachten schließlich viel Konzentration auf. Es sollte der Anfang einer ganzen Reihe von Stunden sein, bei denen ich mit kleinen Geigern Stücke für ihren Geigenunterricht übte und mit jungen Flötisten Melodien einstudierte. Das Instrument Gitarre wurde gerade erst begonnen zu unterrichten und so bekam ich einige Schüler, die noch nie in ihrem Leben eine Gitarre in Händen gehalten hatten. Es waren etwa zehn Kinder! Ich durfte mir nicht zu viel vornehmen: jedem versuchte ich die Akkorde und den Rhythmus eines argentinischen Volksliedes, einer Zamba, beizubringen. Die meisten können dieses Lied jetzt spielen.
Der Höhepunkt meiner musikalischen Arbeit mit den Kindern war, als ich die bekannte Melodie Greensleves auf der Geige spielte und ich von einem der Jungen auf der Gitarre begleitet wurde. Mich beeindruckte immer wieder, wie man den Charakter eines Kindes bei seinem Spiel erfahren und hören kann. Ich erlebte hautnah, wie ein Kind, wenn es ein Instrument spielt, seine Persönlichkeit zeigen muss. Beim Erlernen eines Instrumentes lernt es daher auch sich selbst zu zeigen, sich zu präsentieren und damit sich weiterzuentwickeln. Genau dieser Prozess ist, denke ich, in einem Land wie Argentinien sehr wichtig. In einem Land, in dem Kindern in solchen Lebensumständen wie denen in der Umgegend von St.Maria de la Armonia kaum Möglichkeit zur Persönlichkeitsentwicklung gegeben werden. So ist das Fazit meines Aufenthaltes klar: jede Minute die man mit einem Kind musiziert, hat einen Sinn.
Erfahrungen für mich
Natürlich war es anfänglich hart für mich ohne Sprachkenntnisse so weit weg von zu Hause in ein fremdes Land zu gehen .Aber es fiel mir schließlich alles viel leichter als befürchtet. Ich hatte die Möglichkeit ein neues Land mit einer ganz anderen Mentalität und viele nette Menschen kennen zu lernen und ich kann mich jetzt auf Spanisch unterhalten. Dieser Schritt hat mir viele Erfahrungen gebracht und ich bin stolz auf meine wenn auch kleinen Leistungen bei den Kindern von La Armonia
Vom 23.Februar bis zum 11. März 2006 reiste Ulrike Flemming diesmal begleitet von der Alexandertechniklehrerin Sr. Erika Stadelmeier zu einer Intensivarbeitsphase zu den Kindern in Santa Maria de la Armonia.
Hier der Reisebericht von Schwester Erika. Sie gehört zu der evangelischen Communität der Christusbruderschaft Selbitz und arbeitet als eine erfahrene Alexandertechniklehrerin hauptsächlich in München.
Ulrike und ich brachen bei Eis und Schnee im Februar dieses Jahres zu unserer großen Reise nach Argentinien auf. Der Flug, fünfzehn Stunden lang in den gewohnt engen Sitzen mit netten Nachbarn die bereitwillig und begeistert über ihr Land erzählen. In Buenos Aires haben uns Freunde von Ulrike erwartet. Das war sehr beruhigend, denn wir fuhren durch Gegenden, die mir sonst nicht so ganz geheuer gewesen wären. Riesengroße Bäume sind mir aufgefallen und wunderschöne Blüten, wir waren ja mitten im Sommer gelandet. Das Haus der Familie H. steht in einem Stadttei, der von wohlhabenden Leuten bewohnt wird. Daher ist es auch nötig – für uns ganz ungewohnt – sich durch allerhand Sicherheitsmaßnahmen zu schützen. Den Komfort haben wir natürlich genossen.
Am nächsten Tag, nach einer sehr stürmischen Nacht mit wolkenbruchartigem Regen, fuhren wir mit einem der Familie bekannten Fahrer zum Busbahnhof. Die Straßen der ärmeren Teile von Buenos Aires waren in Flüsse verwandelt. Während Ulrike an einem der vielen Schalter unsere von den Servidoras vorbestellten Bustickets abholte, stand ich mit zwei großen Koffern, einer Geige, 6 Badmintonschlägern, Rucksack und Taschen in einem Gewühle von Menschen und wartenden Bussen. Alle zur Verfügung stehenden Hände und Füsse an einem Gepäckstück und wachen Auges. Drei schmunzelnde Polizisten stellen sich zu meiner Erleichterung mir gegenüber auf. Die Servidora Suki hatte uns einen bequemen und guten Bus ausgesucht. Sechs Stunden fuhren wir durch Pampalandschaft und ich konnte mich gar nicht beruhigen mit lauter „Ah“ und „Oh“. Eine fruchtbare grüne Weite die kaum zu beschreiben ist mit vielen Tieren: Den berühmten Rindern, Störchen, Flamingos, Reihern und einer Menge Raubvögeln.
An der Haltestelle in Mar del Plata erwarteten uns die beiden Servidoras Suki und Nelly. Mit meinem bescheidenen Spanisch werde ich mich kaum verständigen können, aber wie schön, Nelly spricht englisch.
Wir nähern uns dem berühmten Eingangstor zu dem riesigen Anwesen, es geht drei Kilometer über eine alleenartige Staubstrasse mit ebenso großen Bäumen wie in Buenos Aires. Kleine schmucke Häuschen tauchen auf, jedes in einem anderen Stil und dann erreichen wir das Haupthaus. Das habe ich nicht erwartet, richtig paradiesisch. Wunderschön, herrlich alles, aber wenn nicht bald ein Wunder geschieht und diese Herrlichkeiten renoviert werden können, werden sie bald verschwunden sein.
Ganz herzlich werden wir empfangen und viel Zeit alles anzuschauen bleibt nicht, denn schon fängt die Arbeit an. Die Lehrer kommen und berichten wie alles ging in der letzten Zeit. Die Kinder kommen an und bieten uns in einem kleinen Konzert ihr Gelerntes dar. Suky hat dafür gesorgt, dass alle sauber angezogen sind und hat sie in ihrem uralten klapprigen Peugot (320 ooo km auf Staub und Schlammwegen) einzeln in ihren “Häusern“ abgeholt. Eine mühsame Sache: die Wege sind zum Teil voller Schlamm und wenn es Straßen sind fährt man Slalom um die Schlaglöcher herum. Trotzdem bin ich die Touren später immer gerne mitgefahren. Gut ist es, wenn man vor der Dämmerung wieder nach hause kommt, es kann danach gefährlich werden.
Die drei Servidoras die ständig in La Armonia leben, Teresita, Josefina und Suki, sind sehr umsichtig, haushalten mit dem was sie haben sehr gut und es herrscht eine gute Atmosphäre zwischen ihnen und den Angestellten. Teresita spielt manchmal abends wenn alle müde sind allerhand Fetziges auf dem Klavier, das traut man ihr mit ihren fast 75 Jahren gar nicht zu!
Die Arbeit mit den Kindern ist für Ulrike anfangs sehr stramm, denn die Kinder hatten lange Ferien und waren sehr viel sich selber überlassen. Aber nach einiger Zeit ist festzustellen wie sie sich über ihre Arbeit freuen. In kleinen Gruppen wird gearbeitet und abwechselnd dürfen die Kinder manchmal selbst „Lehrer sein“. Köstlich zuzuhören und zuzusehen, da schlummern Begabungen. Die Lehrerin Ingrid hat einen guten Grund gelegt, die Lehrer Daniel und Claudio erscheinen am Wochenende und sind sehr engagiert.
Der Sonntag ist ein besonderer Tag. Nach Morgenmesse und Orchesterprobe werden die Tische zum Essen auf den Rasen unter die großen Bäume gebracht. Ein Vater der Kinder hat am offenen Feuer ein Rind gebraten. Für die Kinder gibt es dazu Limonade. Ein richtiges Fest!
Während Ulrike und die übrigen Lehrer den Kindern lehren, ihre Instrumente zu spielen unterrichte ich die Kinder in Alexandertechnik. Nach anfänglichem Misstrauen, was die „hermana“ da wohl macht wächst die Freude daran und ich habe sehr wache und aufmerksame Schüler. Oft schaue ich einfach zu, wie sie in der Gruppe spielen und stelle nach einiger Zeit fest, wie sich ihre Haltung und ihr Gesicht verändern. Ein gutes Selbstvertrauen könnte sich entwickeln aus dieser Kombination Musizieren und Alexandertechnik.
Auch den Servidoras, den Hausangestellten und den Gästen gebe ich Unterricht. Ich hoffe sehr dass sie damit weiterkommen, auch ohne Lehrerin. Es sieht fast so aus, als wollen die meisten fleißig weiter daraus Profit ziehen.
Das Abschlusskonzert ist sehr beeindruckend.. Die Kinder sind natürlich aufgeregt, ihre Eltern nicht weniger, aber alle sind auch stolz. Mit der Zeit hat sich eine Disziplin entwickelt die zum Erfolg beiträgt.
Der Abschied steht bevor und ich merke wie mir die Kinder in den Tagen lieb geworden sind.
An unserem letzten Tag haben wir eine wichtige Begegnung mit Olga aus dem Sinfonieorchester Mar del Plata. Sie kennt viele Musiker und Lehrer und will helfen, zwei gute Violinlehrer zu gewinnen. Sie hat großes Interesse daran, dass das Projekt wächst.
Nach einer nochmaligen sechsstündigen Busfahrt erreichen wir – mit etwas Abschiedsschmerz – wieder Buenos Aires und verbringen nochmals anderthalb Tage in Buenos Aires in einem Haus der Servidoras. Ein Treffen mit der stellvertretenden Leiterin der Servidoras ist ein wichtiger Punkt. So können ein Rückblick und gegenseitige Wertschätzung ausgetauscht , der Stand der Dinge besprochen und ein Blick in Neuerungen der zukünftigen Arbeit getan werden.
Die Kinder sollen mehr Zugang zu ihren Instrumenten erhalten und so werden jetzt zweimal die Woche nach dem Schulunterricht Essen und ihre Instrumente an eine ihrer Schulen gebracht. Das Wochenende wird weiterhin in La Armonia stattfinden.
Voll von Eindrücken, alle konnte ich nicht aufschreiben kamen wir nach 2 Wochen sommerlichen Temperaturen wieder im eingeschneiten Germania an........
Reisebericht vom Februar 2005
Ziel meiner diesmaligen Reise war eine zehntägige Intensivarbeitsphase mit den 20 fortgeschrittensten der inzwischen 40 Kinder. Diese 20 Kinder spielen seit ca. 1 Jahr Violine, Viola und/oder Violoncello.
Mit mir zusammen kamen für diese Zeit nach Santa Maria de La Armonia Ingrid Ostrowsky (Musiktherapeutin, Blockflötenlehrerin Violinlehrerin und „Chefin“ des argentinischen Lehrerteams), Daniel (Cello, Guitarre und Tai-Chi Lehrer), Claudio (Geigenbauer, Geigenlehrer und von den Kindern bevorzugter Zuhörer bei ihrem Üben, am liebsten in seiner Geigenbauerwerkstatt) und schließlich Korbinian Nagel, der gerade ein soziales Jahr in St. Maria de La Armonia verbringende Abiturient aus München. Außerdem standen 2 Servidoras zur Verfügung um die jüngeren Geschwister unserer Kinder zu betreuen. Es war dies die Bedingung einiger Eltern, dass ihre Kinder Tag für Tag zu uns kommen konnten.
Kurz vor meiner Abreise aus München erfuhr ich vom 1. „Engagement“ unserer Kinder: Sie sollten die Möglichkeit haben, während der 100-Jahr-Feier der Kathedrale von Mar del Plata aufzutreten. Es war klar, dass fast ein Wunder geschehen musste nach nur 1 Jahr Unterricht, die Instrumente nur 2 Mal pro Woche in der Hand haltend... aber die Kinder mit dem ihnen eigenen Eifer schafften es:
Mit täglichem Einzelunterricht, in den Pausen alleine übend (eine neue Erfahrung für sie, da wir ihnen die Instrumente nicht in ihre Behausungen mitgeben können) und mit täglichen Orchesterproben schafften sie es! Wir führten in der Kathedrale auf:
Zwei 2-stimmige argentinische Volkslieder gespielt mit Blockflöten
Den Kanon von Pachelbel (in welchem sie das ostinato spielten)
Eine (wunderbare) Bearbeitung des berühmten Carnavalito für 4 Schüler- und 3 Lehrerstimmen von Regine Nosske.
Und zum Schluß als bewegenden Höhepunkt den 4-stimmigen Satz des Chorals „Vom Himmel hoch da komm ich her".
Eine sehr schöne Nebenerscheinung war, dass die argentinischen Mitwirkenden eines Meisterkurses für Kammermusik, der zur selben Zeit in St. Maria de la Armonia stattfand, mehr und mehr Interesse für die Kinder zeigten, mit ihnen übten und musizierten.
Weitere Beschäftigungen während unserer Zeit waren Malen, Federballspielen (für alle bis dahin unbekannt), Fischen im Tümpel der Hacienda, Wurzeln und Blüten suchen, um Kunstwerke daraus herzustellen. Am Abend versammelten wir uns in einem Kreis und jedes der Kinder bekam die Gelegenheit, sich zu einem bestimmten Thema mitzuteilen. Das war etwas wirklich Neues für sie und für die meisten gar nicht so einfach.
Es war wunderbar, wie der Eifer der Kinder von Tag zu Tag wuchs, ihre Zutraulichkeit, Fröhlichkeit und auch ihre Kameradschaftlichkeit untereinander. Bei unserem Auftritt in der Kathedrale überraschten mich ihre Konzentration und ihre Ernsthaftigkeit.
Spontan lud uns ein Zuhörer danach in ein gepflegtes Restaurant ein. Sie hätten sehen sollen, wie andächtig die Kinder ihr Essen und ihre Coca-Cola zu sich nahmen!
Natürlich zeigten sich in dieser Zeit deutlich, in welch schwierigen Verhältnissen diese Kinder groß werden. Abgesehen von miserablen hygienischen Verhältnissen (ab dem 2. Tag waren ihre Läuse und Flöhe auch auf mich übergesprungen), ihrer Mangel-und Unterernährung sind einige von ihnen Mißbrauch und anderen Übergriffen in der Familie und ihrer Umgebung ausgesetzt. Da in Argentinien eine allgemeine soziale Misere herrscht, ist es sehr schwierig und langwierig, Kinder in eine andere Umgebung zu bringen. So bleibt uns im Moment nur, ihnen ein Gegengewicht zu ihrem sonstigen Leben zu bieten, sodass sie vielleicht eines Tages eine echte Alternative in Händen halten. Und was könnte besser sein, als Musik, Tanz und andere kreative Betätigung? Ein erster Erfolg unseres Konzeptes zeigt sich darin, daß sich einige Kinder für dieses Schuljahr entschlossen haben, einen noch weiteren Schulweg auf sich zu nehmen, um eine bessere Schule als bisher zu besuchen.
Unser großes Ziel ist, sie jeden Tag nach der Schule nach Armonia bringen zu können, damit sie dort essen, Hausaufgaben machen und ihre Instrumente üben können.
Es fiel mir diesmal besonders schwer, mich wieder von ihnen zu trennen und mich auf den Weg in „meine“ Welt zu begeben. |